Schuhfabrik August-Wessels

Das Fabrikareal der ehemaligen Schuhfabrik in der August-Wessels-Straße 5 inmitten einer Arbeitersiedlung im Augsburger Stadtteil Oberhausen wurde zwischen 1895 und 1920 unter anderem nach Plänen Jean Kellers in mehreren Bauphasen erbaut. Die Schuhfabrik zählte in Betriebszeiten zu den größten deutschen Spezialfabriken für Kneippsandalen, Leinen- , Leder- und Sportschuhwerk.

Augsburg im 19. Jahrhundert

Ausgangspunkt aller industriellen Entwicklungen in Augsburg sind die Standortvorteile zwischen Lech und Wertach. Diese historische Wasserwirtschaft stellte die Energieversorgung der dort angesiedelten Fabriken sicher. Zudem wurden Lech und Wertach als Transportwege zu Wasser genutzt. Nicht zuletzt auch durch den Ausbau zum Eisenbahnknotenpunkt im Jahr 1838 etablierte sich das Augsburg des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Industriestandort. Die Talauen vor der befestigten Stadt boten damit ideale Voraussetzungen und gewannen deshalb zunehmend an Wert für Augsburgs Stadtentwicklung.

Städtebauliche Entwicklung

So konstituierte sich außerhalb des Wertachbrucker Tores in den Talauen nordwestlich der Stadt das bereits im 8. Jahrhundert gegründete Dorf Oberhausen, welches unter dem Aufstreben der Textilindustrie in Augsburg Ende des 19. Jahrhunderts von enormem Bevölkerungswachstum geprägt war. Die Arbeiter wurden damals in kasernenähnlichen Siedlungen untergebracht. Auch der damalige Stadtbaurat Ludwig Leybold nahm zwischen 1866 und 1891 im Rahmen der Stadtentfestigung im Westen Augsburgs durch die Errichtung sozialer Einrichtungen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der damaligen Wertachvorstadt, sowie indirekt auch auf die Anbindung Oberhausens an Augsburg.

Eingemeindung Oberhausens

Mit dem schnellen Wachstum Oberhausens, der stetig notwendigen Erweiterung um viele öffentliche Gebäude und der sich entwickelnden Wasserwirtschaft über zahlreiche Kanäle, erfolgte 1911 aufgrund der begrenzten finanziellen Belastbarkeit die Eingemeindung in die Stadt Augsburg. Mit diesem Vertrag wurde der Stadtteil Oberhausen für Augsburg zu einem interessanten Industriestandort und bot zudem neue Siedlungsflächen, sowie eine eigene Energieversorgung über das seit 1848 bestehende Gaswerk.

Firmengründer August Wessels

Das mächtig wirkende Industriegebäude der ehemaligen Schuhfabrik inmitten der Oberhauser Arbeitersiedlung jenseits des Gaswerkes am Bahndamm Ulm-Augsburg war von 1895 bis 1982 Hauptsitz und Produktionsstandort der August-Wessels-Schuhfabrik. Der gleichnamige Firmengründer August Wessels wurde 1870 im Großherzogtum Oldenburg geboren und äußerte schon in frühester Kindheit den Berufswunsch des Schusters, denn, so Wessels, »Schuhe brauchen die Leute immer. Bei diesem Beruf kann ich mit einem sicheren Verdienst rechnen«. Wessels war seinerzeit einer der größten Arbeitgeber Oberhausens und aufgrund seiner schicksalhaften Kindheit als Vollwaise aus armen Verhältnissen als sozialer Unternehmer bekannt.

Kleine Anfänge einer großen Ära

Basierend auf Sebastian Kneipps Idee der »Fußgesundheit« und »Freiheit für die Füße« begann der junge August Wessels nach einer schulischen Ausbildung seine Selbstständigkeit in der Kaltenhoferstraße in Oberhausen und widmete sich zunächst mit nur einem Mitarbeiter und dessen Frau der genauen Passform, hoher Qualität und dem ansprechenden Aussehen der Kneipp-Sandale aus Bad Wörishofen. In Zusammenarbeit begannen sie das Zuschneiden, Schäfte steppen, Zwicken, Nähen, Absätze machen und Putzen und August Wessels trug die Ware daraufhin persönlich an seine Kundschaft aus.

Umzug in die Feldstraße

Die rasch steigende Nachfrage nach den Wessels-Sandalen veranlassten den Schuhmacher zur Verlegung des Produktionsstandortes in die damalige Feldstraße, welche als Würdigung des Unternehmers heute den Namen August-Wessels-Straße trägt. Die bis dahin handbetriebene Maschinenproduktion wurde ab dem Jahr 1898 auf mechanischen Dampfmaschinen-Kraftbetrieb, sowie ab 1904 auf elektrifizierte Produktion umgestellt. Um den Bedarf in den wachsenden Absatzgebieten decken zu können, etablierte August Wessels die Fabrik 1903 zur GmbH, sowie 1910 zur AG und erweiterte das Produktangebot um maßangefertigtes Lederschuhwerk, Leinenschuhwerk und Sportschuhe, um die Konkurrenzfähigkeit des Unternehmens gewährleisten zu können.

Die Schuhfabrik während den Weltkriegen

Festlich eingedeckt zur Einweihung der Kantine 1934

Die internationalen Entwicklungen wurden vom Ausbruch des ersten Weltkrieges im August 1914 jäh unterbrochen. Während der beiden Weltkriege stand die Schuhfabrik als »Militär-Montage-Betrieb« im Auftrag der Heeresverwaltung. Bald schon wurde jedoch der Rohstoff Leder knapp, sodass das Beziehen von Rohhäuten ab 1916 unter eine Lederzwangswirtschaft gestellt wurde. Ab 1917 wurde die gesamte Schuhindustrie in 11 Schuhwarenherstellungsgesellschaften bundesweit eingegliedert, sowie eine Rationierung an Schuhwaren für bürgerliche Zwecke durch die Einführung eines Schuhbedarfsscheines vorgenommen. Daraufhin fusionierte die Schuhfabrik mit den »Fränkischen Schuhfabriken Nürnberg«, und nannte sich nunmehr »Vereinigte Schuhfabriken Berneis-Wessels AG«.

Das Ende der Schuhfabrik

Nach Ende des zweiten Weltkrieges trat schließlich Dietrich Bahner, Sohn des Besitzers der Strumpffabrik Elbeo-Werke in Oberlungwitz als Teilhaber in die Gesellschaft ein. Durch Zuhilfe des neuen Mitgesellschafters wuchs die Belegschaft auf etwa 1600 Mitarbeiter an und gehörte somit zu den größten deutschen Schuhfabriken. August Wessels hatte Recht behalten in der Annahme, Schuhe seien ein viel geschätztes Gut. Jedoch nahm der Erfolg der Wesselschen Schuhfabrik 1982 ein jähes Ende, nachdem die Romika-Gruppe 1968 den Betrieb übernommen und durch zunehmende Automatisierung der Arbeitsprozesse die Belegschaftszahlen auf ein Minimum reduziert hatte.

Der soziale Unternehmer

Der »Sandalenkönig«, wie August Wessels unter anderem von seinen Fabrikarbeitern genannt wurde, war sich aufgrund seiner eigenen familiären Verhältnisse menschlicher Not durchaus bewusst und engagierte sich deshalb sehr für seine Angestellten. Aus dieser Einstellung heraus veranlasste er 1908 die Gründung der fabrikeigenen Betriebskrankenkasse und übernahm damit soziale Verantwortung. Zeitzeugenberichten zufolge pflegte der Unternehmer außerdem ein sehr persönliches Verhältnis zu seinen Angestellten und hatte stets ein offenes Ohr, wenn er mit seiner Zigarre seinen täglichen Rundgang durch den Betrieb machte, um nach dem Rechten zu sehen. Auch ist bekannt, dass er zunächst gemeinsam mit seinem Bruder und einem Teil seiner Arbeiter den ersten Stock, sowie das Dachgeschoss des 1895 errichteten Fabrikbaus bewohnte. Als die Fabrik zu klein wurde, ließ August Wessels ab 1903 eigens für seine Mitarbeiter Arbeiterwohnhäuser in der südlich gelegenen Schubertstraße errichten, welche heute noch prägend für die Umgebung um die ehemalige Schuhfabrik, sowie den Stadtteil Oberhausen sind. Wessels selbst soll mit seiner Frau und seinen fünf Kindern das Gebäude der Schubertstraße 3 bewohnt haben.

Aufgrund der schnellen Expansion stand zeitweise halb Oberhausen im Dienst der »Schuhbude«. Neben wenigen gelernten Meistern, verrichteten vor allem junge Frauen die Arbeit in den vier Abteilungen, die ein Schuh während seiner Produktion aus etwa 65 Rohmaterialien und Einzelteile in 68 bis 390 Arbeitsschritten durchlief. In der Modellabteilung wurden Vorlagen für neue Schuhe entworfen, in der Zuschneiderei wurden alle Einzelteile gestanzt und in der Stepperei, sowie Zwickerei und Montage um einen Leisten herum aufgebaut.

Der soziale Unternehmer

Frauenarbeit in der Stepperei im Ostflügel der Schuhfabrik August Wessels

Heutige Nutzung

Zum heutigen Zeitpunkt ist die ehemalige Schuhfabrik Eigentum einer Immobilienbesitz GmbH, welche die hallenweiten Geschosse an ein großes Unternehmen der Labordiagnostik vermietet hat. Neben Laborräumen wird das Gebäude links neben dem Eingangsbogenportal heute außerdem als Verwaltungsgebäude der gesamten ehemaligen Fabrik genutzt.

Aufgrund des im Gebäude verrorteten hochsensiblen Gewerbes des medizinischen Großlabors Schottdorf bleibt Besuchern ein Blick ins Innere des Gebäude leider verwehrt.

Die Bauphasen

Der repräsentative Firmenkomplex der August-Wessels-Schuhfabrik entstand zwischen 1895 und den 1920er Jahren auf Planungsgrundlagen von Franz Horle, Jean Keller, Philipp Jakob Manz, sowie Eduard Rottmann an der heutigen August-Wessels-Straße 5. Grundlegende Restaurierungsmaßnahmen am Fabrikgebäude, sowie die vollständige Schließung der Gebäudestrukur von einer U-Form zu einer geschlossenen Form um den Innenhof wurden in den 1980er Jahren von Hans Schrammel Architekten in Kooperation mit dem Augsburger Kirchenmalermeister Hans Blöchl vorgenommen.

Der repräsentative Firmenkomplex der August-Wessels-Schuhfabrik entstand zwischen 1895 und den 1920er Jahren auf Planungsgrundlagen von Franz Horle, Jean Keller, Philipp Jakob Manz, sowie Eduard Rottmann an der heutigen August-Wessels-Straße 5. Grundlegende Restaurierungsmaßnahmen am Fabrikgebäude, sowie die vollständige Schließung der Gebäudestrukur von einer U-Form zu einer geschlossenen Form um den Innenhof wurden in den 1980er Jahren von Hans Schrammel Architekten in Kooperation mit dem Augsburger Kirchenmalermeister Hans Blöchl vorgenommen.

Jean Kellers Erbe: Was ist übrig vom Original?

Die August-Wessels-Schuhfabrik ist noch heute eines der mächtigsten und zugleich bedeutendsten Industriedenkmäler Augsburgs und wurde glücklicherweise weitestgehend von Kriegszerstörung verschont. Mit der Ernennung des Gebäudes zum Einzeldenkmal 1986 wurden am und im Gebäude mit seinen 13.200m² Nutzfläche Restaurationsmaßnahmen vorgenommen, welche jedoch nur geringfügig in die Substanz des Bestandes eingriffen. Da das 20. Jahrhundert jedoch von der Geringschätzung der Stilepoche des Historismus geprägt war, existieren heute kaum mehr originale Plangrundlagen, weshalb nicht abschließend geklärt werden kann, ob neben den Gebäuden der Bauphase von 1903/1904 womöglich auch die Gebäude der Bauphase von 1908 oder 1916 von Jean Keller stammen.

Neuer Farbanstrich

Da der respektvolle Umgang mit dem Bestand bei den Sanierungsmaßnahmen oft betont wird, sowie vergleichende Analysen alter Fotoaufnahmen nur unwesentliche Veränderungen über die Zeit zeigen, ist davon auszugehen, dass der von Jean Keller geplante und errichtete Gebäudeteil noch in der originalen Bausubstanz erhalten ist. Allerdings erhielt das gesamte Firmenareal einen neuen lichtgrauen Anstrich.

Preußische Kappendecken

Im Inneren des Gebäudes wurden zwar aufgrund der Nutzung als medizinisches Labor nachträglich Trockenbauwände eingefügt, jedoch sind die von Jean Keller eingebrachten preußischen Kappendecken in der Substanz noch enthalten. Dabei handelt es sich um flache, aus Beton gefertigte Segmenttonnengewölbe, die zwischen stählernen Doppel-T-Trägern lagern. Diese Konstruktion eignete sich in seinen Schalldämmeigenschaften und seiner hohen Dichte im 19. und frühen 20. Jahrhunderts besonders für Industriebauten, in denen geräuschvolle Arbeit verrichtet wurde.

Stilistik

Das Fabrikgebäude kann hinsichtlich seiner Entstehungszeit, sowie den in sehr reduzierter Form verwendeten Gestaltungsmerkmalen grundsätzlich sowohl der für die Zeit des Historismus bekannten letzten Stilepoche des Neobarock, als auch dem um die Jahrhundertwende aufstrebenden Jugendstil zugeordnet werden. Der Bauherr August Wessels war weithin als Unternehmer mit sehr viel Sinn für Baukultur bekannt.

Dachrandgestaltung Jean Kellers

Die wohl gravierendste Veränderung des Gebäudeteiles von Jean Keller stellt die Aufstockung von 1910/11 um drei Geschosse dar. Im Zuge dessen verschwand der von Jean Keller über eine stehlenartige Fortsetzung der fassadengliedernden Pilaster reich gestaltete Dachrand und das bis dahin existierende Flachdach wurde überbaut und durch ein Walmdach ersetzt.

Feingliedrige Sprossenfenster

Die gebäudeprägenden hölzernen Kreuzstockfenster mit feingliedrigen Sprossen an der Südfassade wurden im Rahmen einer energetischen Sanierung durch Kunststofffenster ersetzt, welche jedoch auf Basis der denkmalgeschützten ursprünglichen Fenster entworfen wurden.

Eingangsportal Ost

Früher befand sich im Osten der Fabrik ein zweiter Haupteingang, der ein mächtig wirkendes Eingangsportal als Überdachung besaß, welches von zwei Säulen mit deutlicher Entasis getragen wurde.

Diese Überdachung vor einem gestelzten Bogenportal mit Treppenhaus und abschließendem klassischem Jugendstil-Dach (Abb. Das Erbe/Stilistik) wurde mit der Aufstockung um drei Geschosse von 1910/11 als zweiter Haupterschließungsweg erbaut. Heute wird der Zugang von Osten lediglich als Nebeneingang genutzt, weshalb die mächtige Überdachung verschwand.

Statue über dem Haupteingang

Ein Bild aus dem Jahr 1937 zeigt das Eingangsportal zum Haupteingang auf der Nordseite, welches von der Statue eines Putten geziert wird, der in einer Schuhmacherschürze Schusterarbeiten verrichtet. Diese Statue war bereits 1986 im Gutachten von Hans Blöchl verschwunden.

Backsteinkamin

Das Kesselhaus auf dem heutigen Fabrikparkplatz wurde zu Produktionszeiten über einen hohen weithin sichtbaren Backsteinkamin betrieben, welcher ebenfalls unter Denkmalschutz stand. Dieser musste jedoch leider gemeinsam mit dem nebenstehenden Schreinerei- und Lagerschuppen bei der Sanierung von 1986 weichen.