Holbeinstraße 10

Das Verwaltungsgebäude in der Holbeinstraße 10 wurde im Jahr 1901 von Jean Keller für die Landesversicherungsanstalt für Schwaben und Neuburg im Stil der Neorenaissance geplant. Das Gebäude befindet sich an einer wichtigen Position im Stadtgrundriss zwischen der Augsburger Altstadt und dem Hauptbahnhof.

Wie war Augsburg im 19. Jahrhundert?

Besonders wichtig für die industrielle und städtebauliche Entwicklung Augsburgs im 19. Jahrhundert war der Bau des Bahnhofes im Jahr 1846, welcher bis heute der älteste betriebene Bahnhof einer deutschen Großstadt ist. Er entwickelte sich schnell zu einem der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte Bayerns. Jedoch lag er für damalige Verhältnisse weit vor den Toren Augsburgs, weshalb ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts die Fläche zwischen der Innenstadt und dem Bahnhof erschlossen wurde. Ein wichtiger Faktor für die Stadtentwicklung war die Aufhebung des Reversrechts im Jahr 1866, welches Baumaßnahmen außerhalb der Stadtmauer für den Verteidigungsfall stark einschränkte.

Städtebauliche Entwicklungen

Während im Osten von Augsburg bereits viele Industriebetriebe angesiedelt waren, hatte man im Westen nahezu keine Einschränkungen und konnte somit sehr zukunftsorientiert planen. Mit dieser Aufgabe wurde Ludwig Leybold betraut, welcher von 1866 bis 1891 Stadtbaurat von Augsburg war. In einer der wichtigsten Entwicklungsphasen Augsburgs ist er für bedeutende und zukunftsweisende städte-bauliche Entwicklungen zuständig. Dazu gehört beispielsweise der Abriss des Gögginger Tors und ein partieller Rückbau der Stadtmauer. Durch diese Maßnahmen öffnete sich die Stadt nach Westen zum Bahnhof und eine Erschließung der damaligen Brachfläche wurde möglich. Mit der Bahnhof-, Prinzregenten- und Holbeinstraße entstanden wichtige Verbindungsachsen zwi-schen der Augsburger Altstadt und dem Hauptbahnhof. Das neue Straßennetz wurde nicht orthogonal angelegt, damit es besser mit der historischen Struktur der Altstadt harmoniert.

Die Holbeinstraße

Die nördlichen Gebäude der Holbeinstraße wurden alle von Jean Keller gestaltet und sind Teil einer trapezförmigen Blockrandbebauung zwischen Prinzregenten- und Holbeinstraße, welche im Westen in den Prinzregentenplatz mündet. Der Straßenzug besteht aus drei Gebäuden. Das Haus an der Ecke Holbein- und Schaezlerstraße (Holbeinstraße 8 & Schaezlerstraße 13; Fertigstellung 1907) wird heute wie damals als Wohngebäude genutzt. Das Gebäude an der Ecke Holbeinstraße und Prinzregentenplatz (Holbeinstraße 12; Fertigstellung 1908) beherbergt heute das Sozialgericht Augsburg. In der Mitte befindet sich die Holbeinstraße 10 (Fertigstellung 1901), in welcher sich das Staatliche Bauamt Augsburg befindet.

Bauherr und Entstehung

Die Gebäude auf der Nordseite der Holbeinstraße wurden für die Versicherungsanstalt für Schwaben und Neuburg geplant und gebaut. Diese bezog das Hauptgebäude in der Holbeinstraße 10 im Oktober 1901 und nutzte es bis ins Jahr 1960. In vielen Quellen zu diesem Objekt ist auch das Baujahr 1910 zu finden, welches sich aber höchstwahrscheinlich auf einen Wettbewerb zur Bebauung des Prinzregentenplatzes bezieht. Jean Keller datiert in seiner selbst verfassten Werkübersicht das Baujahr auf 1901 und auch die heutige Deutsche Rentenversicherung Schwaben protokolliert den Einzug von 18 Mitarbeitern ins neue Verwaltungsgebäude in der Holbeinstraße 10 im Oktober 1901.

Einzug der Augsburger Bauämter

Im Rahmen eines Tauschvertrags, welcher am 06.03.1959 notariell beurkundet wurde, kam das Gebäude in den Besitz des Landbauamts Augsburg. Die Landesversicherungsanstalt erhielt im Gegenzug das ehemalige Gerichtsgefängnis in Augsburg, das sich «an der Blauen Kappe 18» befand. In die Holbeinstraße 10 sollte nun das Vermessungs- und das Straßenbauamt einziehen, für dessen Nutzung einige Umbauten notwendig waren. Die Kosten wurden allerdings erst für das Haushaltsjahr 1962 genehmigt, woraufhin bis zum 31.12.1961 eine Vermietung angestrebt wurde. Tatsächlich äußerte die Bayerische Staatsbank großes Interesse an einer Anmietung, da deren Hauptgebäude in der Bahnhofstraße 1961 umgebaut wurde. Ob die Vermietung tatsächlich zustande kam, ist nicht dokumentiert.

Die Verwaltungsreform der Bauämter

Durch die Verwaltungsreform im Jahr 2005 wurden die Bauämter neu strukturiert. Die Abteilungen Hoch- und Tiefbau wurden zusammengefasst in 22 bayerische Bauämter. Dadurch wurden auch die Augsburger Bauorgane zusammengefasst und die Holbeinstraße 10 zum Hauptsitz gewählt. Dies hatte auch einige bauliche Auswirkungen auf das Gebäude, welche im nächsten Kapitel genauer beschrieben werden. Daneben unterhält das Bauamt einen Sitz in der ebenfalls von Jean Keller gebauten Burgkmairstraße 12.

Geschichte

Stilistik

Torbogen

1 of 8

Bandrustika

2 of 8

Ädikula-Fenster

3 of 8

Dachgestaltung

4 of 8

Mittelrisalit

5 of 8

Eingangsportal

6 of 8

Gesims

7 of 8

Sockel

8 of 8

Was ist übrig vom Original?

Eingangs-Bogenportal

Das aufwendig gestaltete und repräsentative Eingangsportal aus Kalkstein ist ein besonderes Schmuckstück am Gebäude. Es wird von zwei Säulen mit dorischen Kapitellen umrahmt, welche die Gliederung der Bandrustika aufnehmen und abwechselnd dicker und dünner sind. Die Randabschlüsse des Gebälks ahmen Triglyphen nach und darüber folgt das Gurtgesims, welches sich über die gesamte Gebäudelänge erstreckt. Der mächtige gesprengte Segmentgiebel umrahmt ein steinernes Balkongeländer. Darunter befindet sich eine florale Ornamentik, welche in den Schlussstein des Tür-Rundbogens mündet. Die hölzerne Eingangstür ist im Original erhalten und fällt besonders durch das großzügige Oberlicht auf.

 
Hohlkastenfenster

Die historischen Hohlkastenfenster aus Holz sind vermutlich alle im Original erhalten. Die Innenscheibe wurde durch eine Isolierglasscheibe ersetzt und mit einer Wiener Sprosse versehen. Auf der Westseite des Gebäudes befindet sich ein besonderes Fenster (Foto). Dieses ist aufwen-diger gestaltet wie die anderen Fenster und diente vermutlich als Muster.

Die Fenster auf der Südfassade sind als Ädikula-Fenster ausgestaltet. Dies bedeutet, dass jedes Fenster von einem eigenen kleinen „Bauwerk“ umrahmt wird und meistens auch einen eigenen Giebel besitzt.

Ursprünglich gab es zur Verdunkelung Holz-rolläden, welche ausstellbar waren. Bei der Sanierung wurden diese durch normale Holz-rolläden mit elektrischem Antrieb ausgetauscht und grau angestrichen.

Westlicher Torbogen

Von den ursprünglichen beiden Torbögen ist heute nur noch das Westliche erhalten. Das Gurtgesims wird auf Höhe des 1. Oberge-schosses im Torbogen fortgesetzt und darüber mit einem kleinen Giebel abgeschlossen. Das schmiedeeiserne Tor erinnert mit seiner Ornamentik bereits an den Jugendstil.

Terrazzoboden

Auf einem Großteil der Erschließungsflächen gibt es einen Terrazzoboden. Dieser ist noch im Originalzustand erhalten. Stellenweise wurde mit verschiedenen Methoden versucht, Risse zu schließen. Im Haupttreppenhaus gibt es auf den Stockwerken jeweils eine auswendige Ornamentik im Bereich des Foyers.

Treppengeländer und Treppe

Im Innenraum ist die Gestaltung von Jean Keller ebenfalls bis heute präsent. Besonders beeindruckend sind die Treppen aus verkeilten Granitblockstufen, welche sehr filigran wirken. Die Stufen sind einseitig im Mauerwerk verankert, jedoch wird der Großteil der Last von Stufe zu Stufe ins Podest geleitet. Das Treppengeländer wurde auch von Jean Keller gestaltet und aufwendig restauriert.

Kleinesche Steineisendecke

Die Geschossdecken über dem Keller, dem Erdgeschoß und dem ersten Obergeschoss sind als Steineisendecken des Systems «Kleine» ausgeführt. Der deutsche Maurermeister Fritz Kleine entwickelte diese Konstruktion im Jahr 1892. Bei der Kleineschen Steineisendecke werden zwischen zwei Hauptträger Mauersteine «quer zur Trägerrichtung auf eine Schalung gelegt». Zwischen den Mauerreihen befindet sich ein Flachstahl, welcher auf dem Träger aufliegt. Die Fugen werden anschließend mit Beton vergossen und es wird eine Deckschicht von ca. 2cm hergestellt.

Fenstergriffe​

Die Fenstergriffe und alle Türgriffe sind bis heute im Original erhalten. Sie wurden durch Jean Keller gestaltet und verdienen besondere Aufmerksamkeit. Im Erdgeschoss sind die Fenstergriffe aus Hirschhorn gefertigt, in den Obergeschossen aus Metall.

Historischer Dachstuhl über dem Mitteltrakt

Über dem Mitteltrakt wurde der historische Dachstuhl erhalten und ist heutzutage sichtbares Gestaltungsmittel im Multifunktionsraum des Dachgeschosses. Stellenweise wurde die Konstruktion durch Stahlträger unterstützt.

Natursteinvasen auf dem Dach

An den Ecken des Daches gibt es Natursteinvasen, die noch im Original erhalten sind. Während der Sanierung 2008-2013 wurden sie abgenommen und sandgestrahlt. Danach hob man sie wieder auf die Ausgangspositionen, wo sie heute wieder in neuem Glanz strahlen.

Was ist über die Zeit verloren gegangen?

Östlicher Torbogen und Skulptur über dem Mitteltrakt

Als einziger original-Plan ist die Südansicht von Jean Keller bis heute erhalten. Auf dieser Zeichnung und auf alten Fotos erkennt man eine Skulptur über dem Mitteltrakt. Diese Skulptur ist heutzutage nicht mehr erhalten. Darüber hinaus erkennt man einen Torbogen auf der Ostseite, was die ursprüngliche Symmetrie unterstreicht. Heutzutage ist nur noch der Torbogen auf der Westseite erhalten.

Der Kartensaal

Der Kartensaal war ein ehemaliger Anbau am Ostflügel, welcher mit dem Umbau 2008-2013 abgerissen wurde. Der Anbau ist zwar zeitgleich mit dem Hauptgebäude entstanden, jedoch hatte er eine auffallend andere Gestaltung und Konstruktion wie das Hauptgebäude. Beispiels-weise gab es am Übergang von Hauptgebäude zum Kartensaal eine breite Lisene, welche wirkte, als wollte man eine Fuge überblenden. Diese Übergangslisene ist beim Umbau erhalten geblieben, ebenso wie der Ansatz eines Rundbogens. Als Zeitzeugen verweisen sie auf den Anbau, der einst an dieser Stelle den Ostflügel erweiterte.

Westlicher Torbogen

Der Straßenzug wurde im sogenannten «Pavillon-Bausystem» errichtet: Das bedeutet, dass sich zwischen den Baukörpern jeweils Zufahrten in den Hinterhof der Gebäude befinden. Dies war seit der zweiten Hälfte des

19. Jahrhunderts eine städtebauliche Vorgabe, um mehr Licht und Luft in die Stadt zu bringen. 

Bandrustika

Unter einer Bandrustika versteht man eine Fassadengestaltung durch waagrechte, tiefe Fugen. Das gesamte Erdgeschoss ist in diesem Stil ausgeführt und unterstreicht mit den zurückgesetzten Fenstern und dem Rauputz die Sockelwirkung.

Ädikula-Fenster

Alle Fenster der Obergeschosse haben ein Oberlicht und sind als Ädikula-Fenster ausgeführt. Dieser Begriff beschreibt eine Umrahmung der Fenster mit einem eigenen kleinen «Bauwerk» samt Giebel.

An der Südfassade finden sich u.a. Dreiecksgiebel, Segmentgiebel, gesprengte Segmentgiebel aber auch waagrechte Überdachungen.

Dachgestaltung

Der Kniestock des Dachgeschosses ist aufgrund der repräsentativen Wirkung zur Straßenseite hin höher, woraus ein asymmetrisches Dachwerk resultiert. Das Kranzgesims ist über dem Mittelrisalit besonders prächtig. An den Eckpunkten des Daches schmücken Natursteinvasen das Gebäude.

Mittelrisalit

Der mittlere Gebäudeteil sticht plastisch aus dem Grundkubus heraus. Diese Fassadenversprünge werden als Risalit bezeichnet. Neben dem Mittelrisalit sind auch die Abschlüsse der Seitenflügel als Risalit ausgebildet.

Eingangsportal aus Kalkstein

Das Eingangsportal wird von zwei Säulen mit dorischen Kapitellen umrahmt. Die Randabschlüsse des Gebälks ahmen Triglyphen nach und darüber folgt das Gurtgesims. Der mächtige gesprengte Segmentgiebel umrahmt ein steinernes Balkongeländer. Darunter befindet sich eine florale Ornamentik.

Gesims

Das Gebäude wird in der Waagrechten durch zahlreiche Gesimse gegliedert. Es gibt unter anderem Gurtgesimse, Brüstungsgesimse und das Kranzgesims. Im Vergleich zum Erdgeschoss sind die Obergeschosse feingliedriger gestaltet. Dies ist typisch für die Neorenaissance und nennt sich «piano nobile» (edles Geschoss).

Sockel aus Granitblöcken

Das Erdgeschoss ist als Hochparterre ausgebildet und deutet auf die komplette Unterkellerung des Gebäudes hin, wobei der sichtbare Teil des Kellergeschosses einen Sockel aus hellen Granitblöcken bildet. 

Der Nachteil des dichten Gesteins ist allerdings die mangelnde Diffusionsfähigkeit, wodurch die Kellerwände schnell durchfeuchten können.