Diakonissen- Anstalt

DiakonissenANSTALT

In der heutigen Architektur gilt nach wie vor die Vergangenheit als Inspiration in den Entwurfsprozess miteinzubeziehen und auf bereits bewährte Stilmittel zurückzugreifen, um ein vielfältiges Stadtbild zu erreichen. Die Gratwanderung zwischen dem Wunsch nach Bewahrung und der Notwendigkeit einer wirtschaftlichen Nutzung dieser historischen Gebäuden führt immer wieder zu Diskussionen. Die Chancen für diese einmaligen historischen Bauwerke erhöht sich jedoch, wenn die Bevölkerung diese Bauten schätzen gelernt hat.

SOZIALE NOT IN AUGSBURG

Anfang des 19. Jahrhunderts waren Lebensrisiken nicht durch eine entsprechende staatliche Gesetzgebung abgedeckt. Wer aufgrund von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidität und Alter nicht mehr arbeiten konnte, musste auf familiäre Unterstützung, ein sehr unvollkommenes System städtischer Armenpflege oder schlecht organisierte christliche Mildtätigkeit hoffen.

Der Wandel der Sozialstruktur von einer agrarischen und gewerblichen Wirtschaftsweise zu einer industriellen, brachte tiefgreifende Veränderungen im gesellschaftlichen Gefüge der Stadt. Ungenügender Lohn in Fabriken zwang Frau und Kinder, außerhalb des Hauses, zum Verdienst des Mannes beizutragen. Krankenpflege und Kinderbetreung durch die Familie war nun nicht mehr gegeben.

PROT. ST. JOHANNIS ZWEIGVEREIN

Die selbstgewählte Lebensaufgabe der Diakonissen ist die soziale Arbeit mit und am Menschen. Nach Ihrer Ausbildung wurden sie an verschiedensten Standorten eingesetzt, wobei ein Spektrum von Krankenplege über lehrende Berufe bis hin zur Kinderbetreuung abgedeckt wurde. Die ersten Anfänge des Augsburger Diakonissenhauses weisen bis in das Jahr 1850 zurück. Durch die Arbeit des katholischen Ordens der Barmherzigen Schwestern wurde der evangelischen Gemeinschaft in Augsburg die Notwendigkeit der Pflege ihrer Kranken durch evangelische Diakonissen bewusst. Einen entscheidende Aspekt für das geplante Diakonissenhaus stellt die Gründung des protestantischen St. Johannis Zweigverein in Augsburg dar. Der von König Max II. in Bayern ins Leben gerufenen Verein hatte zwei große Ziele: 1. Die Rettung verwahrloster Kinder und 2. Die Einführung der Krankenpflege durch Diakonissen. Fortan übernahm eine vom Verein neu aufgestellte Verwaltung die Gründung des Standortes des Diakonissenhauses in Augsburg.
Jahresbericht des prot. St. Johannes Zweigvereins

GRÜNDUNG

Der 15. Oktober 1855 gilt als Geburtstag der Augsburger Diakonissenanstalt, damals mit drei Schwestern unter der Leitung von Oberin Julie Hörner. Die Diakonissen waren ab 1856 für dreizehn Jahre in einem erworbenen Haus in der Klinkertorstraße untergebracht und ab 1859 konnte die Arbeit in der Krankenpflege von acht Diakonissen im neuerbauten städtischen Krankenhaus aufgenommen werden. 1866 betrug die Anzahl der Schwestern 23 und drei Jahre darauf, 1869 wurde ein Anwesen im mittleren Pfaffengässchen erworben, in welchem die Diakonissnanstalt weitere 24 Jahre untergebracht war.

Mutterhaus von 1869 bis 1893 im Pfaffengässchen

DIAKONISCHER AUFBRUCH

Oberin Pauline Fischer 1822 - 1911
Nach anfänglichen Schwierigkeiten und einer internen Krise 1870/71 bat man das Stuttgarter Diakonissenhaus um Hilfe, welches als Bedingung einen Seelsorger für die Anstalt stellte. Aus diesen Grund wurde 1872 Stadtvikar von St. Ulrich, Friedrich Boeckh als Seelsorger und Inspektor eingestellt. Unter dem 28-jährigen Rektor Boeckh und der aus Stuttgart stammenden 51-jährigen Oberin Pauline Fischer erfuhr die Anstalt einen stetigen geistlichen und diakonischen Aufbruch. Die Anzahl der Schwestern stieg kontinuierlich an, es konnten auswärtige Stationen ausgebaut werden und sich neuen Aufgaben, wie der Arbeit mit Kindern, gewidmet werden.

FINANZIELLE UNTERSTÜZUNG

Gräfin Stephanie Guiot Du Ponteil 1830 - 1886

Dank der Freundschaft zwischen Gräfin Stephanie Guiot Du Ponteil (geborene von Frölich) und der Oberin Pauline Fischer, kam der Anstalt immer wieder finanzielle Unterstützung zu. Nach dem Tod der Adeligen 1886 wurde dem Diakonissenhaus ein bedeutender Teil ihres Erbes zugesprochen. Dieser sollte für die Zwecke des Diakonissenhauses und der Krankenpflege verwendet werden. So konnte 1888 das in der Nähe des Hauptbahnhofs liegende Wohnlich`sche Gartengut mit 17 Tagwerk, entspricht 4770 Hektar, für 349.000 Mark erworben werden. Dieses große Grundstück sollte zukünftige Erweiterungen ermöglichen, den parkartigen Baumbestand beibehalten und falls finanziell notwendig, den Verkauf einer Teilfläche erlauben.

STETIGE ENTWICKLUNG

Inspektor Friedrich Boeckh 1845 -1914

Im Jahre 1892 war die Anzahl der Schwestern des evangelischen Diakonissenhauses in Augsburg auf 123 Schwestern angewachsen. Diese arbeiteten bayernweit in verschiedenen Anstalten und konnten 1892 somit 6017 Kranke verpflegen und sich um 1368 Ihnen anvertraute Kinder kümmern. Im Jahresbericht des protestantischen St. Johannes Zweigvereins von 1888 wird der Bau eines neuen Mutterhauses, mit angeschlossenen Krankenhaus zum ersten Mal erwähnt.

„Da das bisherige Diakonissen-Mutterhaus nach keiner Richtung den an eine solche Anstalt in räumlicher Beziehung zu stellenden Anforderungen genügt, ist die längst ins Auge gefaßte Erbauung eines neuen zweckentsprechenden Diakonissen-Mutterhauses nunmehr in Angriff zu nehmen.“ – Boeckh

BAUMAßNAHMEN

Trotz anfänglicher Gegenwehr seitens Behörden und Bürger, wurde am 7. März 1991 die baupolizeiliche Genehmigung, entspricht der heutigen Baugenehmigung, zur Errichtung eines Mutter- und Krankenhauses an der Frölichstraße 17, erteilt. Des Weiteren errichtete Jean Keller in den darauf folgenden Jahren eine Kinderbewahranstalt, die Paulinenplfege, sowie das Feierabendhaus der Schwestern auf dem Gelände der Diakonissenanstalt.

Bis heute prägt dieser aufstrebende nach vorne schauende Charakter die evangelische Diakonissenanstalt Augsburg und ihre vielen realisierten Baumaßnahmen.

Entwicklung Diakonissensanstalt 1893 – 2021

BAUFORTSCHRITT

Am 15. April konnte dann der Vertrag mit Architekt Jean Keller, der im Jahresbericht von 1891 zum ersten mal erwähnt wird, abgeschlossen werden. Diesem wurden nach dem Erstellen der Pläne und Kostenvoranschläge nun auch die Bauleitung übertragen. Schon am 27. April 1891 geschah der erste Spatenstich zur Aushebung des Baugrundes. Das Richtfest konnte nach Erstellung des hölzernen Dachstuhles am 12. September dieses Jahres gefeiert werden. 1892 wurde der Rohbau fertiggestellt und es konnte mit dem Ausbau und der Einrichtung begonnen werden. Eine weitere Schwierigkeit stellte der vom Bauherrn festgelegte Grundsatz dar, dass jeder evangelische Handwerksmeister, der Interesse hatte einen Auftrag bekam. So waren zwischenzeitlich 45 Handwerksmeister auf der Baustelle tätig, darunter 12 verschiedene Schreiner. Am 15. Juni 1893 konnte, nach abgeschlossenen Bauarbeiten, der Umzug der Schwestern beginnen. Am 18. Juli wurde die Einweihung des Diakonissenhauses in Augsburg gefeiert.

Mutterhaus beim Richtfest 1893

BAU ALS EINHEITLICHE IDEE

Die Ende des 19. Jahrhunderts von Jean Keller geplante Anlage bestand aus zwei Gebäuden, Mutterhaus und Krankenhaus, welche durch einen schmalen Gang zur internen Erschließung verbunden waren. Der Klinkerbau knüpft an die norddeutsche, nicht französische, Gotik an und sollte an das Mutterhaus in Düsseldorf erinnern. Der dunkle Klinker in Verbindung mit den hellen Abschlusssteinen entsprach dem Ernst der Anstalt. Im Gegensatz zum imposanten Barockturm in Göggingen ziert hier nur ein kleiner Schlichter Dachreiter mit Glockenstuhl das Dach des Mutterhauses. Das Konzept Jean Kellers für die gesamte Anlage, welche von einer Einfriedung umgeben wurde, umfasste auch einen großen parkähnlichen Garten für die Kranken und die Schwestern.
Kapelle der Diakonissenanstalt in Backsteingotik

MUTTERHAUS

Das Mutterhaus wurde vom Inspektor mit seiner Familie, der Oberin sowie 60 Schwestern bewohnt. Das Gebäude hat Souterrain, Hochparterre, 1. Etage, 2. Etage und ein Dachgeschoss. Des Weiteren wurde ein Ausbau realisiert, welcher Platz für den Speisesaal der Schwestern und der darüberliegenden Kapelle bietet. Insgesamt ist das Gebäude circa 48 Meter lang, 15 Meter breit und 22 Meter hoch. Zur Erschließung dienen drei innenliegende Treppen. Über die große repräsentative Treppe im Haupteingang gelangt man nur bis in die 1. Etage. Jedes Stockwerk hatte ein Badezimmer, sowie Toiletten.

Originalpläne von Jean Keller

KRANKENHAUS

Verließ man das Mutterhaus und ging durch den schmalen Verbindungsgang führte dieser direkt in das dazugehörige Krankenhaus. Dieses bestand aus Souterrain, Hochparterre, erster Etage, sowie einem Dachgeschoss, und war damit ein Geschoss niedriger als das Mutterhaus. Insgesamt erstreckte sich das Krankenhaus auf eine Länge von 62 Meter, war 10 Meter breit und wurde vertikal durch drei Treppen erschlossen. Neben Zimmern für Kranke Kinder und Erwachsene gab es zwei Operationssäle, eine Apotheke, Ärztezimmer, sowie Räume für das diensthabende Personal. Die Fußböden der Etagen, auf welchen sich Patienten aufhielten, waren aus Linoleum, welches auf einem Gipsestrich verlegt wurde. Die Decken wurden aus stahlbewährten Beton konstruiert. Dies geschah aus guten Grund, Architekt Jean Keller wollte ein Ausbreiten von Krankheitserregern unterbinden und verzichtete deshalb beim Boden- und Deckenaufbau auf saugfähige Schichten, wie beispielsweise Holz.

vorne Paulinenplfege, hinten Krankenhaus

TREPPENAUFGANG

Treppenaufgang zur Kapelle

Der Treppenraum wurde offen und hell erbaut und wirkt durch die verwendeten Materialen sehr hochwertig. Hier finden sich neugotische Türen mit Buntglas und gotisiernde Kapitelle. Beim Geländer sowie den Deckenkasetten wurde dagegen auf gotische Elemente verzichtet. Die Haupttreppe ist freitragend und aus Pappenheimer Marmor konstruiert. Sie wird durch ein eisernes Gitter umrahmt.

MUTTERHAUSKAPELLE

Kapelle von Empore fotografiert

Im ersten Stockwerk des Mutterhauses über die großzügige Haupttreppe erschlossen, befindet sich die Mutterhauskapelle. Über eine innenliegende Treppe gelangt man auf die Empore. Den Chor ziert eine Orgel, der bekannten Firma Steinmeyer aus Öttingen. Eine einzigartige räumliche Wirkung hat der Holzplafond, die hölzerne Deckenkonstruktion. Der Altar, mit angemessenen Proportionen, steht in mittiger Position harmonisch im Raum. Des Weiteren prägten die neun gemalten Glasfenster, eine hölzerne Kanzel, sowie die Malerarbeiten des Augsbuger Malermeisters Dietrich Mayer den Innenraum. Besonders beeindruckend ist das Ornamentband am Chorbogen, welches Inschriften und Medaillons mit Köpfen von Christus und den Evangelisten zeigt. Es wirkt wie ein Teppich: Die senkrechten Inschriften in gotischen Buchstaben bieten nicht nur Text, sondern auch auch Dekoration.

SPEISESAAL

Speisesaal der Schwestern

Im Hochparterre ist der 15 Meter lange und 8 Meter breite Speisesaal der Schwestern mittig angeordnet. Noch heute nehmen die Diakonissen in diesem hellen Raum mit freundlichen Charakter gemeinsam das Mittagessen zu sich. An den Wänden ist der nach wie vor geltende Leitspruch der Diakonissen, sowie das Porträt der Gräfin Stephanie Giuot du Ponteil zur Erinnerung an ihre gütige Unterstützung und Freundschaft zu sehen.

ORIGINALZUSTAND

In den folgenden Zitaten spricht der damalige Rektor Friedrich Boekh über Architekt Jean Keller in höchsten Tönen, er nennt ihn „einen ebenso erfahrenen und umsichtigen Techniker, als einen Mann von sehr gutem Geschmack.“ Außerdem erwähnt er, dass „Unschönes [wird] kaum im oder am Bau gefunden werde[n]. Die Kapelle wird ein Meisterstück – ohne daß der Kostenvoranschlag überschritten wird.“

​„Das Werk lobt den Meister. Es bekundet in der Tat eine hohe Meisterschaft, so ein Diakonissen- und Krankenhaus und sein Kleinod, die Kapelle, zu bauen!“

​„Die Kapelle, 15m lang, 8 m breit, 12 m hoch, ist ein Schmuckkästchen der Anstalt und die Freude aller.“

Originalzustand Kapelle 1893

RENOVIERUNGEN

Die erste Renovierung und Umgestaltung erfuhr die Kapelle 40 Jahre nach Ihrer Erbauung im Jahr 1933. Zu dieser Zeit war man der neugotischen Gestaltung, dem eher dunkel gehaltenen Innenraum der Kapelle überdrüssig und strebte nach einem schlichteren, nüchternen Erscheinungsbild. Die Epoche der Sachlichkeit lehnte die Buntheit und Vielfalt des Historismus ab. So wurde der Kapelle Ihre feinteilige Ornamentik und bunte Farbe größtenteils genommen.

Die zweite Renovierung erfolgte dann 1954. Die größten Veränderungen waren die Erneuerung der Glasgemälde, welche im 2. Weltkrieg zerstört wurden und der Einbau einer neuen Orgel.

Eine weitere Renovierung 1963 beinhaltet im wesentlichen zwei Maßnahmen: Den Einbau einer Kirchenbankheizung und Malerarbeiten in Chor und Schiff. Die links und rechts and der Chorwand stehenden Bibelworte wurden übermalt.

nach Renovierung 1933

RESTAURATION

Bei einer beauftragten Befunderstellung in den 1980er Jahren kam bei verschiedenen Proben an Wänden und Decke die alte Fassung und Bemalung zum Vorschein. Da eine Restauration dieser möglich war, entschied man sich für eine Teilrestaurierung des Chors und der Chorwand. Bei der Ausführung dieser kam die reiche neugotische Bemalung im maurisch-byzantinischen Stil wieder zum Vorschein. Aufgrund des entstehenden räumliche Konflikts zwischen dieser dominanten Bemalung und der sonst nüchternen Kirche, wurde der Beschluss gefasst auch das Schiff und die Holzdecke zu restaurieren. Die Holztonnendecke wurde farblich gegliedert und durch Gurtbögen unterteilt. Außerdem erhielten auch die Wände des Kirchenschiffs durch Licht- und Schattenstrichmalerein ein lebendiges und warmes Aussehen. So entstand eine harmonische Einheit zwischen der Decke oberhalb des Langraums und den nun farblich und mit Ornamenten gestalteten Seitenwänden des Schiffs.
nach Restauration 1984