Das Martini-Palais

Das Martini-Palais ist ein dreigeschossiger ehemaliger Wohnungsbau, der erstmals im 15.Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde. Es befindet sich am Ulrichsplatz 12, am südlichen Ende der Maximilianstraße in Augsburg und wurde in den Jahren 1894 und 1897 auf Wunsch des Eigentümers Viktor Martini durch den Baumeister Jean Keller im Stil des Historismus umgebaut.

Was ist ein Palais?

Das Wort Palais stammt ursprünglich vom römischen Hügel „Palatin“, einem der sieben Hügel Roms, auf welchem neben dem Palast des Kaiser Augustus besonders vornehme und repräsentative Gebäude („Palatium“) errichtet wurden. Im frühen Mittelalter entstand daraus das Wort «Pfalz», welches einen Herrschersitz und den dafür geeigneten Gebäudekomplex bezeichnete. Eine weitere Ableitung des Wortes stammt vom Wort „Pallas“, welches ein repräsentatives Wohngebäude einer Burg bezeichnet. Im Deutschen („Palast“), Französischen („Palais“) und Italienischen („Palazzo“) können die Begriffe austauschbar verwendet werden.​

Unter einem Palais versteht man heute ein dem bürgerlichen Wohnen entstammendes Gebäude, was den Palast deutlich vom Typus „Schloss“ abgrenzt, in dem ausschließlich dynastische Familien wohnten. Um dem klassischen französischen „Palais“ zu entsprechen, mussten seit dem 17. Jahrhundert unter anderem folgende Kriterien erfüllt werden: Regelmäßige Verteilung der Fenster- und Bogenöffnungen, lange Korridore im Inneren als „Enfiladen“, ein Vorder- und Hinterhaus mit Hof, verbunden mit seitlichen Korridoren, Fassadengliederung durch Simse, Pilaster, Rustikasockel und ein großes Dach mit Gauben. Im 18. Jahrhundert nutzte man die Beletage (=1.Obergeschoss) als vornehme Wohnräume, während die Bediensteten häufig unter dem Dach in der Mansarde wohnten.

​In Augsburg finden sich viele dieser Palais-Bauten, die streng genommen nicht dem „Ur-Typus“ entsprechen, aber dennoch als Palais wahrgenommen werden. Dazu zählt auch das Martini-Palais.

Die Entwicklung der Maximilianstraße im 19. Jahrhundert

Die Maximilianstraße entwickelte sich aus der römischen Verbindungsstraße „Via Claudia“ (seit 15 v.Chr) und einem Pilgerweg zur Grabstätte der hl. Afra (4.Jh.n.Chr.), welcher in etwa am heutigen Domviertel begann und zum heutigen Ulrichsviertel führte. Beide zählen zu den ersten Siedlungskernen Augsburgs, daher wuchs der einstige Pilgerweg schnell zu einer wichtigen Verbindungsstraße heran. Obwohl im 19. Jahrhundert aufgrund der Industrialisierung und dem Bau großer Fabriken die Stadt aus ihrer mittelalterlichen Stadtmauer hinauswuchs, behielt die heutige Maximilianstraße weiterhin ihre zentrale Bedeutung für die Menschen Augsburgs.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde die Maximilianstraße in die Teile „Brotmarkt, Holzmarkt, Weinmarkt, Salzstadel, Bei Ulrich“ unterteilt, wobei Wein- und Salzstadel als Mittelbebauung die Straße teilten.

Die Entwicklung der Maximilianstraße im 19.Jahrhundert

Mit der Eingliederung Augsburgs in das Königreich Bayern 1806 wurde diese Mittelbebauung abgerissen um Platz für Truppenaufmärsche zur Ulrichskirche, die als Kaserne genutzt wurde, zu ermöglichen. Der Abbruch und die damit verbundene Verbreiterung der Straße entsprach durchaus dem damaligen barocken Raumverständnis der Menschen, welche den Straßenraum als „Bühne“ und zum „Sich Präsentieren“ verstanden. So entstand unter König Maximilian I. die Prachtstraße „Maximilianstraße“, die für die Augsburger Gesellschaft in jeder Hinsicht von zentraler Bedeutung war.

Auf Märkten fand das soziale und gesellschaftliche Leben statt, während Staatsakte zum Besuch des Königs oder Truppenparaden und kirchliche Prozessionen die geistliche und politische Bedeutung zeigten.

Historismus in der Maximilianstraße

Kaum eine Straße wurde in ihrem Erscheinungsbild so sehr durch dieses Jahrhundert geprägt wie die Augsburger Maximilianstraße. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wird es Stadtplanern in allen deutschen Städten mit dem Aufkommen des Historismus immer wichtiger, schöne und repräsentative Hauptstraßen zu schaffen. Dazu bedienten sie sich des Rückgriffs auf Stilelemente bereits vergangener Epochen zur Verblendung der Straßenfassaden. Häufig wurden dabei sogar innerhalb eines Gebäudes verschiedene Stilrichtungen miteinander vermischt, wobei man dann von Eklektizismus sprach. In Augsburg war dieses Bedürfnis besonders groß, da, durch das Abreisen der Mittelbebauung in der Maximilianstraße, die dort bereits vorhandenen Straßenfassaden nun zu Platzfassaden wurden und einer Aufwertung benötigten.

Historismus in der Maximilianstraße

Bereits während der Epoche des historischen Bauens bildeten sich zwei konträre Standpunkte dazu aus, welche bis heute bestehen.

Vertreter des Historismus würdigen die besondere Phantasiebegabung und Kreativität der Baumeister, die mit viel Sorgfalt und Wissen vergangene Epochen nachahmten. Dabei kam dem Ornament eine besondere Bedeutung zu: „Das Ornament legt einem Gegenstand eine neue und andere Bedeutung als die seiner natürlichen Beschaffenheit zugrunde, er wird dadurch ein ausgezeichneter und auszeichnender Gegenstand.“

Gegner des Historismus dagegen kritisieren genau diesen Gedanken. Die verschwenderische Verwendung und die industrielle Fertigung der Zierelemente führten in deren Augen dazu, dass den Gebäuden ein eigener Charakter abgesprochen wurde. Sie galten als wenig originell und ihnen wurde dadurch von großen Teilen der Bevölkerung nur selten Wertschätzung entgegengebracht.

Der Bauherr Viktor Martini

Viktor Martini wurde 1832 in Augsburg geboren.

1864 stieg er als junger Mann in die von seinem Onkel gegründete „Martini & Cie“ Färberei und Bleicherei ein und regte 1882 die Erweiterung der Firma um eine Textildruckerei an.

Mit dem Einstig in die Firma schloss er sich in den 1860er Jahren dem „Alpenverein Augsburg“ an, der damals als elitärer Herrenclub galt und in den nur „honorige Männer“ zugelassen wurden. 1989 regte Viktor Martini außerdem zusammen mit Heinrich von Buz, dem Generaldirektor der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg (MAN), die Gründung einer Privatbahn, der Augsburger Localbahn, für den Gütertransport an. Martini hielt dabei den Vorsitz über den Aufsichtsrat und festigte damit seine bedeutende Stellung im Augsburg des 19. Jahrhunderts.

Des Weiteren wurde Viktor Martini der Titel „Kommerzienrat“ verliehen. Diesen Titel erhielten nur wichtige Persönlichkeiten des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens, welche erhebliche Stiftungen für das Gemeinwohl tätigten. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Martini das prestigeträchtige Haus am Ulrichsplatz als Wohnhaus erwarb.​

1898 starb Viktor Martini.

Die Firmengeschichte von "Martini & Cie"

Gegründet wurde das Unternehmen 1832, als der damals 33-jährige Clemens Martini zusammen mit seinem jüngeren Bruder Fritz das bestehende Bleichgut Haunstetten für 7000 Gulden erwarb. Nach erfolgreichen ersten 15 Jahren, kaufte sich der wohlhabende Verwandte Georg Kaess als Teilhaber in den Betrieb ein um die handwerkliche Bleicherei zu einem Fabrikbetrieb zu erweitern. 1847 erwarben sie gemeinsam die vormals Froelich’sche Bleiche am Hanreibach in Augsburg. Bereits 1860 hatten sich die Geldumsätze verdreifacht, was nicht zuletzt an der „konstruktiven Phantasie des Unternehmers und einer technisch hervorragenden Arbeit“ lag. Spannungen zwischen Martini und Kaess führten dazu, dass sich die beiden Werke voneinander trennten. Nach dem Tod von Clemens Martini 1862, übernahmen seine Neffen Wilhelm und Viktor Martini den Augsburger Teil der Firma.

Die Firmengeschichte von "Martini & Cie"

Es folgte eine schwere Zeit. Man hatte nach dem Ende des Krieges 1871 und der Eingliederung von Elsass-Lothringen mit der französischen Konkurrenz, der Elsässer Textilveredelungs-industrie, zu kämpfen. Trotz erheblicher Umsatzeinbußen erwies sich besonders Viktor als „eleganter Weltmann, weitblickender Kaufmann und ausgezeichneter Techniker“, der es verstand „Martini & Cie“ erfolgreich aus der zehnjährigen Krise zu führen.

In den folgenden Jahren stiegen die Söhne von Wilhelm Martini – Clemens und Ludwig – in den Familienbetrieb ein und begannen bald mit der Textildruckerei. Den Grundstein hierfür hatte Viktor Martini bereits gelegt. „Martini & Cie“ beschäftigte inzwischen 200 Personen, für die 1885 eine eigene Krankenkasse und 1888 eine betriebliche Altersversorgung eingerichtet wurde, was für die damaligen Umstände keine Selbstverständlichkeit war. Nach dem Tod Viktor Martinis 1898 unterstützten dessen Söhne Fritz und Adolf Martini den Betrieb, der noch bis 1949 in Familienbesitz blieb und ab 1913 fast tausend Beschäftigte zählte.

Die Baugeschichte

Straßenfassade - Neobarock/Neorokoko

Ornamentik der Fenster im 2.OG

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Ornamentik der Fenster im 1.OG

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Erdgeschossfenster mit Keilsteinmasken 3 of 6

Eingangsportal

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Rundgauben

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Schräggiebel & Dachabschluss

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Innenhoffassaden - Neorenaissance

Dachabschluss

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Gestaltung der Fassaden

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Schmiedeeiserne Elemente

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Korbbogenfenster

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Segmentbogenfenster

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Gesims

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Ornamentik

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Die Gesimse und der Dachabschluss

Die schlichten, aber stark profilierten Gesimse zwischen den einzelnen Geschossen verleihen der Fassade eine starke Horizontalgliederung, was zur Betonung der einzelnen Geschosse führt. Die Gesimse sind durchgängig durchlaufend und binden so die einzelnen Hoffassaden, welche leicht unterschiedlich ausgebildet sind, zu einer stilistischen Einheit zusammen. Dies wird durch den einheitlichen Dachüberstand, der durch einen Zahnschnitt mit kleinen floralen Elementen ornamentiert ist, unterstützt.

Die Gestaltung der Fassaden

Fast jede Seite des Innennhofs wurde leicht unterschiedlich gestaltet. Die Fassaden des polygonalen Treppenturms weisen eine durchgehende Nutung auf, die nur durch kleine Rechteckfenster unterbrochen wird, während der in den Hof hineinragende Gebäudeteil eine Quadrierung zeigt und Segmentbogenfenster verwendet wurden.​

Die Nord- und Ostfassaden werden von großen Korbbogenfenstern dominiert. Außerdem wird die Nutung der Fassade meist durch profilierte Rechtecke unterbrochen.

Die Rückseite des Hauptgebäudes zeigt eine genutete, pilasterartige Vertikalgliederung mit glatt verputzten Anteilen. Die zurückhaltende Rahmung der Fenster und der überdimensionierte Schlussstein im Bogen der Segmentbogenfenster weisen außerdem auf den palaisartigen Charakter des Gebäudes hin.

Die Segmentbogenfenster

Die Segmentbogenfenster zeigen sich deutlich zurückhaltender als die viel größeren Korbbogenfenster. Das Fenster zeichnet sich durch seine schlichte Ornamentik der Neorenaissance aus. Dabei wird der Schlussstein im profilierten Segmentbogen schlicht ausgeführt, aber dennoch betont. Auch die profilierte Zierleiste um das Fenster führt zurückhaltend in die profilierte Sohlbank über.

Die Korbbogenfenster

Die Korbbogenfenster dominieren die beiden Nord- und Ostfassade deutlich.

Von unten an die Sohlbank der Fenster anschließend zeigt sich eine friesartige, schlichte Ornamentik. Dabei werden drei profilierte Rechtechte in den Putz geschnitten.

Der Bogen des Fensters wird durch ein Gesims abgetrennt und in regelmäßigen Abständen mit Stucksteinen ornamentiert, welche plastisch aus der Fassade hervortreten.

Die Ornamentik

Die neorennaissance Innenhoffassaden zeigen sich zurückhaltender und weniger verspielt als die barocke Straßenfassade. Dennoch gibt es einige auffallende Stuckornamente.

In einer profilierten Stuckkartusche im 2.Obergeschoss finden sich die römischen Ziffern „MDCCCIVC“, welche auf das Jahr 1894, in welchem die Umgestaltung der Fassade stattfand, verweist. Die Kartusche ist mit einem schlichten Feston und volutenähnlichen Elementen, welche ein einfaches Blatt umgeben, geschmückt.

Darunter zeigt sich eine freundlich blickende Fantasiefratze, auf der sich geschwungene Voluten und Blütenblätter ausbreiten und die auf einem leeren, wappenförmigen Stuckelement sitzt, welches sich plastisch aus der Fassade hervorhebt. Unterhalb des Wappens finden sich verschiedene Ziergirlanden, Fruchtgürtel und Bänderungen.

Die schmiedeeisernen Elemente

Immer wieder finden sich verschiedene schmiedeeiserne Elemente im und am Gebäude, von denen davon ausgegangen werden kann, dass sie noch Original von Jean Keller sein könnten.

Die mit Blättern und Ranken reich verzierte hängende Lampe am Treppenturm im Stil eines französischen Netzwerks und die fein gestaltete Stütze im westlichen Teil des Hofes, welche einige Elemente einer korinthischen Säulenordnung, wie ein mit Akantusblättern geschmücktes „Kapitell“, aufweist, sind schöne Beispiele, mit welcher Phantasiebegabung und mit welchem Geschick Jean Keller die Stile früherer Epochen mit im 19. Jahrhundert modernen Materialien imitierte.

Die Rundgauben

Die neun kleinen Rundgauben sind achsensymmetrisch zur Mitte des Gebäudes auf dem Dach angebracht und weisen auf die drei Dachgeschossebenen im Dachstuhl hin. Jede Gaube besitzt ein Ochsenaugenfenster. Eine Besonderheit ist, dass die Gauben keine eigene Verdachung besitzen. Um das Abtropfen von Regenwasser trotzdem gewährleisten zu können, wurden sie jedoch mit seitlichen Einkerbungen versehen.

Der Schräggiebel und der Dachabschluss

Der stark profilierte Dachüberstand mit mit floralen Elementen stuckiertem Zahnschnitt setzt einen starken Akzent für die Quergliederung der Fassade und trennt Wandfläche von Dachfläche. Im Bereich des Mittelrisalit verspringt der Dachabschluss, ähnlich wie das Konsolgesims im Erdgeschoss, leicht nach vorn.

Der aufgesetzte Dreiecksgiebel mit Schräggeison durchbricht diese strenge Ordnung und betont im Gegensatz, zusammen mit dem hervorspringenden Mittelrisalit die vertikale Teilung der Fassade. Im Giebel wiederholt sich die regelmäßige Reihung des Zahnschnitts; dieser ist ein bei Schräggiebeln häufig verwendetes Element.

Die Fenster des 2. Obergeschoss

Im obersten Geschoss nimmt die Ornamentierung der Fenster deutlich ab. Die geschwungenen Ziergirlanden unterhalb der Fenstern werden nur noch mit wenigen und vergleichsweise kleinen floralen Elementen verziert. Gemäß der barocken Abstufung des Schmuckmittelreichtums nach außen werden die äußeren Fenster oben nur noch mittig und nicht mehr über die gesamte Fenserbreite mit einem floralen Stuckelementen mit Voluten versehen. Die mittleren Fenster dagegen werden weiterhin mit Kartuschen aus Rocaillen, welche florale Ranken und Äste umfassen, verziert. Über den Zierrahmen befindet sich außerdem eine Stuckrosette.

Alle Fenster der Obergeschosse werden außerdem von einer profilierten Zierleiste aus Stuck umrahmt, welche direkt in die Sohlbank übergeht.

Die Fenster des 1. Obergeschoss

Im 1. Obergeschoss werden die Fenster durch ein an die profilierte Sohlbank angeschlossenes Fries direkt an das darunterliegende Konsolgesims angebunden. Darauf ist jeweils eine dümmlich blickende, groteske Maske abgebildet, deren Haare und Zunge in florale Festons übergehen.

Über den Fenstern in der Gebäudemitte befindet sich in einer stark ornamentierten Kartusche mit Rocaillen ein Frauenkopf, dessen Frisur rokoko-bewegt ist. Die Fenster in den beiden äußeren Gebäudeachsen werden von weniger großen, aber ebenso prächtig stuckierten Kartuschen bekrönt. Im Zentrum dieser Zierrahmen befinden sich jedoch Stuckmuscheln, welche typische Zierformen des Hochbarocks sind. Die Abstufung des Schmuckmittelreichtums von der Mitte nach außen und unten nach oben ist ebenfalls ein typisches barockes Stilmittel.

Das Erbe Jean Kellers - was noch übrig ist...

In der verheerenden Bombennacht am 25.02.1944 wurden große Teile der Augsburger Innenstadt zerstört und auch das Martini-Palais blieb dabei nicht verschont. In einem Bericht über den Zustand der wichtigsten kulturhistorischen Denkmäler geht hervor, dass das Gebäude „ausgebrannt“ war, während die „Sicherung der wertvollen Rokokofassade als dringend“ beschrieben wird. Wie weitreichend die Beschädigungen im Innenraum tatsächlich waren und was daher noch von Jean Keller erhalten ist, kann jedoch nicht genau ermittelt werden. Zwei Jahre später, im November 1946, wird der derzeitige Bauzustand dann bereits mit «erhalten, keine Gefahr» vermerkt.

Jean Keller in der Gegenwart

Im Jahr 1990/1991 folgte eine umfangreiche Sanierung durch das Architekturbüro Zuth + Zuth aus Augsburg. Die Unterlagen dazu wurden jedoch noch vor der Digitalisierung im Frühjahr 1999 durch ein Hochwasser zerstört. Dies ist ein weiterer Grund warum das Erbe von Jean Keller im Martini-Palais so schwer zu ermitteln ist. Zusätzlich muss bedacht werden, dass es sich hier um einen Umbau, keinen Neubau durch Jean Keller handelt und vieles daher möglicherweise nicht von ihm, sondern noch von wesentlich früher stammen könnte.

Der Ausdruck der Straßenfassade wurde jedoch mittlerweile in das Farbkonzept der Maximiliansstraße integriert.

Das einstige Wohnhaus erfährt nun ausschließlich eine gewerbliche Nutzung.

Die Fenster des 2.Obergeschoss

Im obersten Geschoss nimmt die Ornamentierung der Fenster deutlich ab. Die geschwungenen Ziergirlanden unterhalb der Fenstern werden nur noch mit wenigen und vergleichsweise kleinen floralen Elementen verziert. Gemäß der barocken Abstufung des Schmuckmittelreichtums nach außen werden die äußeren Fenster oben nur noch mittig und nicht mehr über die gesamte Fenserbreite mit einem floralen Stuckelementen mit Voluten versehen. Die mittleren Fenster dagegen werden weiterhin mit Kartuschen aus Rocaillen, welche florale Ranken und Äste umfassen, verziert. Über den Zierrahmen befindet sich außerdem eine Stuckrosette.

Alle Fenster der Obergeschosse werden außerdem von einer profilierten Zierleiste aus Stuck umrahmt, welche direkt in die Sohlbank übergeht.

Die Fenster des 1.Obergeschoss

Im 1. Obergeschoss werden die Fenster durch ein an die profilierte Sohlbank angeschlossenes Fries direkt an das darunterliegende Konsolgesims angebunden. Darauf ist jeweils eine dümmlich blickende, groteske Maske abgebildet, deren Haare und Zunge in florale Festons übergehen.
Über den Fenstern in der Gebäudemitte befindet sich in einer stark ornamentierten Kartusche mit Rocaillen ein Frauenkopf, dessen Frisur rokoko-bewegt ist. Die Fenster in den beiden äußeren Gebäudeachsen werden von weniger großen, aber ebenso prächtig stuckierten Kartuschen bekrönt. Im Zentrum dieser Zierrahmen befinden sich jedoch Stuckmuscheln, welche typische Zierformen des Hochbarocks sind. Die Abstufung des Schmuckmittelreichtums von der Mitte nach außen und unten nach oben ist ebenfalls ein typisches barockes Stilmittel.

Die Erdgeschossfenster mit Keilsteinmasken

Über den vergitterten Fenstern im Erdgeschoss wurden Keilmasken mit floralen Festons angebracht. Die jeweils äußeren Masken zeigen männliche Fassadenköpfe, welche, für den Historismus typisch, teuflisch grinsen. Dazwischen wird ein weiblicher Kopf mit geschlossenen Augen gesetzt, der die freundliche Seite des Lebens repräsentiert, wobei durch den starren Blick eine gewisse Distanz aufrechterhalten bleiben soll. 
Die zweiflügligen Holzrahmenfenster selbst besitzen ein festverglastes Oberlicht und sind mit einer einfach profilierten Sohlbank versehen. Die Ziergitter enthalten sowohl florale, als auch groteske Elemente und werden durch volutenförmige Zierungen abgeschlossen. In der Mitte jedes Gitters zeigen sich verschiedene diabolische Fratzen mit Vogelkörpern.

Das Eingangsportal

Das dreiachsige Eingangsportal wird durch doppelte Dreiviertel-Säulen toskanischer Ordnung gegliedert, auf denen  ein Architrav als Basis für das weit vorstehende Gurtgesims liegt. Dieses wird zusätzlich von mit Akanthusblättern ornamentierten Konsolelementen getragen. Im Zwischenraum finden sich alternierende florale Stuckrosetten, wobei diese achsensymmetrisch zur Mitte des Portals ausgebildet werden. 

Eingangstor und -tür werden mit Kartuschen und eisernen Gittern verziert. Im Zwickel rechts und links davon liegt jeweils ein Putto mit barocker Leibesfülle, dessen Unterkörper, dem Barock entsprechend, verhüllt ist. 

Auf beiden Seiten des Tores thront über einem Regencemuster ein Ziegenkopf mit gewundenen Hörnern und Zweigen im Maul. In der rechten Achse der Portalanlage, wird die Eingangstür nur in Form von Lisenen angedeutet und mit reicher, floraler Ornamentik und flatternden Bändern geschmückt.

Die Rundgauben

Die neun kleinen Rundgauben sind achsensymmetrisch zur Mitte des Gebäudes auf dem Dach angebracht und weisen auf die drei Dachgeschossebenen im Dachstuhl hin. Jede Gaube besitzt ein Ochsenaugenfenster. Eine Besonderheit ist, dass die Gauben keine eigene Verdachung besitzen. Um das Abtropfen von Regenwasser trotzdem gewährleisten zu können, wurden sie jedoch mit seitlichen Einkerbungen versehen.

Der Schräggiebel und der Dachabschluss

Der stark profilierte Dachüberstand mit mit floralen Elementen stuckiertem Zahnschnitt setzt einen starken Akzent für die Quergliederung der Fassade und trennt Wandfläche von Dachfläche. Im Bereich des Mittelrisalit verspringt der Dachabschluss, ähnlich wie das Konsolgesims im Erdgeschoss, leicht nach vorn.

Der aufgesetzte Dreiecksgiebel mit Schräggeison durchbricht diese strenge Ordnung und betont im Gegensatz, zusammen mit dem hervorspringenden Mittelrisalit die vertikale Teilung der Fassade. Im Giebel wiederholt sich die regelmäßige Reihung des Zahnschnitts; dieser ist ein bei Schräggiebeln häufig verwendetes Element.

Die Gesimse und der Dachabschluss

Die schlichten, aber stark profilierten Gesimse zwischen den einzelnen Geschossen verleihen der Fassade eine starke Horizontalgliederung, was zur Betonung der einzelnen Geschosse führt. Die Gesimse sind durchgängig durchlaufend und  binden so die einzelnen Hoffassaden, welche leicht unterschiedlich ausgebildet sind, zu einer stilistischen Einheit zusammen. Dies wird durch den einheitlichen Dachüberstand, der durch einen Zahnschnitt mit kleinen floralen Elementen ornamentiert ist, unterstützt.

Die Gestaltung der Fassaden

Fast jede Seite des Innennhofs wurde leicht unterschiedlich gestaltet. Die Fassaden des polygonalen Treppenturms weisen eine durchgehende Nutung auf, die nur durch kleine Rechteckfenster unterbrochen wird, während der in den Hof hineinragende Gebäudeteil eine Quadrierung zeigt und Segmentbogenfenster verwendet wurden.​

Die Nord- und Ostfassaden werden von großen Korbbogenfenstern dominiert. Außerdem wird die Nutung der Fassade meist durch profilierte Rechtecke unterbrochen.

Die Rückseite des Hauptgebäudes zeigt eine genutete, pilasterartige Vertikalgliederung mit glatt verputzten Anteilen. Die zurückhaltende Rahmung der Fenster und der überdimensionierte Schlussstein im Bogen der Segmentbogenfenster weisen außerdem auf den palaisartigen Charakter des Gebäudes hin.

Die schmiedeeisernen Elemente

Immer wieder finden sich verschiedene schmiedeeiserne Elemente im und am Gebäude, von denen davon ausgegangen werden kann, dass sie noch Original von Jean Keller sein könnten. 

Die mit Blättern und Ranken reich verzierte hängende Lampe am Treppenturm im Stil eines französischen Netzwerks und die fein gestaltete Stütze im westlichen Teil des Hofes, welche einige Elemente einer korinthischen Säulenordnung, wie ein mit Akantusblättern geschmücktes „Kapitell“, aufweist, sind schöne Beispiele, mit welcher Phantasiebegabung und mit welchem Geschick Jean Keller die Stile früherer Epochen mit im 19. Jahrhundert modernen Materialien imitierte.

Die Korbbogenfenster

Die Korbbogenfenster dominieren die beiden Nord- und Ostfassade deutlich.

Von unten an die Sohlbank der Fenster anschließend zeigt sich eine friesartige, schlichte Ornamentik. Dabei werden drei profilierte Rechtechte in den Putz geschnitten.

Der Bogen des Fensters wird durch ein Gesims abgetrennt und in regelmäßigen Abständen mit Stucksteinen ornamentiert, welche plastisch aus der Fassade hervortreten. 

Die Segmentbogenfenster

Die Segmentbogenfenster zeigen sich deutlich zurückhaltender als die viel größeren Korbbogenfenster. Das Fenster zeichnet sich durch seine schlichte Ornamentik der Neorenaissance aus. Dabei wird der Schlussstein im profilierten Segmentbogen schlicht ausgeführt, aber dennoch betont. Auch die profilierte Zierleiste um das Fenster führt zurückhaltend in die profilierte Sohlbank über. 

Die Ornamentik

Die neorennaissance Innenhoffassaden zeigen sich zurückhaltender und weniger verspielt als die barocke Straßenfassade. Dennoch gibt es einige auffallende Stuckornamente.

In einer profilierten Stuckkartusche im 2.Obergeschoss finden sich die römischen Ziffern „MDCCCIVC“, welche auf das Jahr 1894, in welchem die Umgestaltung der Fassade stattfand, verweist. Die Kartusche ist mit einem schlichten Feston und volutenähnlichen Elementen, welche ein einfaches Blatt umgeben, geschmückt.

Darunter zeigt sich eine freundlich blickende Fantasiefratze, auf der sich geschwungene Voluten und Blütenblätter ausbreiten und die auf einem leeren, wappenförmigen Stuckelement sitzt, welches sich plastisch aus der Fassade hervorhebt. Unterhalb des Wappens finden sich verschiedene Ziergirlanden, Fruchtgürtel und Bänderungen.